Gerhard Richter, LV Foundation&Frank Gehry-11//25
Die Gerhard-Richter-Retrospektive in der Fondation Louis Vuitton war schon im Vorfeld mehr als eine Ausstellung. Sie war ein Ereignis aus drei großen Namen: Gerhard Richter, Louis Vuitton, Frank Gehry — Kunst, Mode, Architektur. Big names, big success. In einem Haus, das selbst längst als architektonisches Statement funktioniert, traf einer der teuersten und einflussreichsten Künstler der Gegenwart auf die symbolische Macht eines Luxuskonzerns und die spektakuläre Formensprache Frank Gehrys. Die Ausstellung zeigte rund 275 Werke aus mehr als sechs Jahrzehnten, von den frühen fotobasierten Bildern der 1960er-Jahre bis zu Arbeiten aus dem Jahr 2024. (fondationlouisvuitton.fr)
Natürlich lässt sich diese Konstellation nicht ohne den Kunstmarkt denken. Richter steht wie kaum ein anderer Künstler für jene Zone, in der künstlerische Bedeutung, museale Kanonisierung, Sammlerprestige und Milliardenwerte ineinandergreifen. Es ist ein männlich dominierter Markt, in dem Namen dieser Größenordnung nicht nur betrachtet, sondern verwaltet, abgesichert und strategisch gelesen werden. Dass bekannte Sammlerinnen und Sammler, die selbst Richter besitzen oder besaßen, diese Ausstellung mit besonderer Dringlichkeit besuchten, ist deshalb kaum überraschend. Eine Retrospektive dieser Größenordnung ist nicht nur ein kunsthistorisches Ereignis, sondern auch eine Bestätigung von Wert, Status und Zugehörigkeit.
International wurde die Kuration teilweise als erstaunlich nüchtern, beinahe lieblos empfunden. Und doch wäre es falsch, die Ausstellung deshalb geringzuschätzen. Gerade weil sie so groß, so marktwirksam und so kanonisch angelegt war, musste man sie sehen. Nicht nur, um die bekannten Richter-Werke erneut zu begegnen — den Fotobildern, den abstrakten Rakelarbeiten, den Farbtafeln, den Spiegeln, den historischen und politisch aufgeladenen Motiven —, sondern auch, weil die späten, stilleren Arbeiten eine andere Seite des Künstlers sichtbar machten. Kritiken hoben ebenfalls hervor, dass Richter nach dem Ende seiner Malerei 2017 weiter zeichnete und zuletzt kleine, feine Arbeiten auf Papier entstanden, darunter zarte Tusche- und Wolkenzeichnungen. (Artzeitung)
Gerade diese späten Arbeiten sind entscheidend. Sie zeigen, dass Richter nicht nur der Meister des Fotorealismus, der Unschärfe und der monumentalen Abstraktion ist. Er kann auch leise sein. Zerbrechlich. Poetisch. Fast schwebend. Und trotzdem bleibt in diesen scheinbar feinen Gesten eine enorme Wucht. Die späten Blätter wirken nicht wie ein Nachsatz, sondern wie eine Verdichtung: weniger Spektakel, weniger Markt, weniger Oberfläche — und doch ganz Richter. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Relevanz dieser Retrospektive: dass sie hinter dem großen Namen, hinter Vuitton, Gehry, Sammlerprestige und Marktlogik noch einmal den Künstler sichtbar macht. Einen Künstler, der bis zuletzt nicht nur Größe, sondern auch Fragilität beherrscht.