Meg Webster in der Rotonde der Bourse de Commerce-12/25

Wenn Skulptur zur Atmosphäre wird

Meg Webster zeigt, wie still Kunst sein kann – und gleichzeitig vollkommen präsent.

Ihre Arbeiten entstehen aus Erde, Wachs, Salz, Pflanzen, Ocker und einfachen geometrischen Formen. Nichts daran ist laut, nichts will sich aufdrängen. Und doch verändert sich der Raum sofort. Man sieht nicht nur eine Skulptur, man betritt eine Atmosphäre.

Perfekt gewählt ist dafür die Rotonde der Bourse de Commerce / Pinault Collection: ein kreisförmiger Raum unter der hohen Kuppel, historisch aufgeladen und zugleich durch die neu gesetzten Betonwände von Tadao Ando radikal konzentriert. Ando, der auch die Langen Foundation in Neuss entworfen hat, schafft hier keinen neutralen White Cube, sondern einen stillen Resonanzraum aus Beton, Licht und Kreisform. Seine konkave Einfassung schützt Websters Arbeiten, ohne sie zu isolieren, und lässt ihre organischen Materialien – Erde, Salz, Wachs, Zweige, Blätter und Blumen – noch stärker als Gegenpol zur architektonischen Strenge erscheinen.

Gleichzeitig bleibt dieser Raum nicht hermetisch abgeschlossen. Durch die zwei Eingänge strömen Besucherinnen und Besucher immer wieder durch die Rotonde. Der Raum ist also nicht nur Ausstellungsraum, sondern auch Durchgang, Bewegung, Passage. Diese Öffnung nimmt der Architektur die Schwere. Sie verhindert, dass man die Arbeit wie in einem engen, abgeschlossenen, verdunkelten Museumsraum betritt. Stattdessen entsteht ein Moment des Flanierens: Man kommt hinein, durchquert den Raum, bleibt stehen, schaut, geht weiter, kehrt vielleicht noch einmal zurück.

Gerade dieses Zusammenspiel aus Kuppel, Kreis, Beton, Naturmaterial und Bewegung macht den Raum so präzise: Die Skulpturen stehen nicht einfach darin. Sie atmen mit ihm.

Meg Webster, geboren 1944 in San Francisco, entwickelte eine unverwechselbare skulpturale Sprache, die sich aus Minimalismus, Land Art, Geometrie und ökologischer Sensibilität speist. Ihre Arbeiten sind reduziert, aber niemals kalt. Sie wirken konzentriert, körperlich und elementar. Webster arbeitet mit Materialien, die nicht nur sichtbar sind, sondern eine eigene sinnliche Präsenz besitzen: Salz, Erde, Ocker, Bienenwachs, Pflanzen, Wasser, Licht. Ihre Kunst bleibt dadurch nicht auf das Auge beschränkt. Sie öffnet sich dem ganzen Körper.

In der Rotonde werden fünf ihrer Arbeiten zu einer Art innerer Landschaft. Mound und Mother Mound erheben sich aus gelbem Ocker und roter Erde vom Boden. Cono di Sale bringt Salz in eine klare geometrische Form. Wall of Wax erfüllt den Raum mit dem zarten Duft von Bienenwachs, während das Licht seine transluzente Oberfläche erwärmt. Circle of Branches besteht aus lokal gesammelten Zweigen, Laub und Blumen – organischem Material, das Geräusche dämpft und den Raum beruhigt.

Mich berührt an Webster besonders, dass ihre Arbeiten zwischen Minimalismus und Natur stehen. Sie sind präzise, fast architektonisch, aber zugleich lebendig, sinnlich und vergänglich. Licht, Luft, Temperatur, Geruch und Material werden Teil der Arbeit. Der Körper des Betrachters wird nicht ausgeschlossen, sondern eingeladen.

Auf den ersten Blick wirken diese Werke leise. Doch gerade diese Stille hat Kraft. Webster stellt Natur nicht dekorativ in den Ausstellungsraum. Sie bringt Natur, Körper und Architektur in ein Spannungsverhältnis. Links die dichte, fast wuchernde Pflanzenform, dann die klare weiße Geometrie im Raum, daneben die Menschen als Maßstab: Alles steht miteinander in Beziehung. Der Raum wird nicht bloß bespielt, sondern verwandelt.

Das ist für mich eine sehr zeitgenössische Form von Kunst: nicht als Objekt der Distanz, sondern als Erfahrung von Präsenz. Eine Erinnerung daran, dass Räume nie leer sind. Sie tragen Geruch, Geschichte, Material, Licht, Stille und Energie.

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