Katharina Grosse im White Cube: Farbe als Raumbehauptung-04//2026

Wer mich kennt, weiß: Ich schätze die arbeiten von Katharina Grosse sehr. Mich faszinieren vor allem ihre raumumgreifenden, landschaftsumgreifenden Arbeiten — diese Art, Farbe nicht als Bildfläche zu denken, sondern als Ereignis, das Architektur, Raum, Körper und Wahrnehmung erfasst.

Was mich an ihr besonders interessiert, ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie Raum einnimmt. Ihre Arbeiten wirken nicht, als müssten sie sich legitimieren. Sie sind da. Sie greifen aus, verändern Oberflächen, verschieben Wahrnehmung und machen deutlich, dass künstlerischer Ausdruck nicht klein gehalten werden muss.

In ihrer Ausstellung „I Set Out, I Walked Fast“ im White Cube Bermondsey in London wird genau diese Haltung sichtbar. Die Ausstellung lief vom 22. April bis 31. Mai 2026 und zeigte neue sowie frühere Arbeiten, darunter kleinere und größere Gemälde, aber auch eine groß angelegte In-situ-Installation. Der Titel ist Charlotte Brontës Roman „Jane Eyre“ entnommen — ein Satz, der Bewegung, Aufbruch und Vorwärtsgehen in sich trägt. (White Cube)

Bei Katharina Grosse endet Malerei nicht an der Leinwand. Farbe wird bei ihr nicht aufgetragen, um etwas zu schmücken oder zu illustrieren. Farbe ist Handlung. Farbe ist Präsenz. Farbe ist eine räumliche Setzung. Sie kann Wand, Boden, Objekt, Architektur und Landschaft erfassen und damit die Grenze zwischen Bild und Umgebung auflösen.

Gerade deshalb gehören für mich ihre groß angelegten Arbeiten zu den stärksten Positionen zeitgenössischer Malerei. Sie denkt Farbe nicht vom Format her, sondern vom Raum. Das zeigte sich auch 2025 bei der Art Basel, als sie mit „CHOIR“ den Messeplatz in Basel in eine temporäre, ortsbezogene Malerei verwandelte. Art Basel beschrieb das Projekt als die größte urbane Installation ihrer bisherigen Karriere. Grosse übertrug dort ihre Malerei auf städtische Oberflächen und vorhandene architektonische Elemente — ein weiteres Beispiel dafür, wie konsequent sie Malerei aus dem klassischen Bildraum herausführt. (Art Basel)

Auch im White Cube Bermondsey wirkt diese Erweiterung des Malerischen besonders präzise. Der White Cube als Galerieraum steht traditionell für Neutralität, Kontrolle und Distanz. Grosses Farbe widerspricht dieser Ordnung. Sie durchbricht die Kühle des Raumes, legt sich über Oberflächen, schafft Übergänge, Brüche und Zonen. Man steht nicht einfach vor einem Werk. Man bewegt sich durch eine malerische Situation…und muss aufpassen nicht ein kleines Steinchen des Werkes zu berühren;)

Dabei ist ihre Arbeit nie nur laut oder spektakulär. Hinter der Ausdehnung liegt ein genaues Verständnis von Raum, Material, Bewegung und Blickführung. Die Farbe wirkt frei, aber nicht beliebig. Sie breitet sich aus, ohne sich aufzulösen. Sie erzeugt Energie, ohne ihre Präzision zu verlieren. Gerade darin liegt für mich die Qualität ihrer Arbeiten: Sie besitzen Wucht, aber auch Kontrolle.

Die Gemälde in kleineren und größeren Formaten zeigen zugleich, dass Grosses Malerei nicht allein durch Maßstab funktioniert. Auch auf der Leinwand bleibt sie expansiv. Die Farbe scheint über das Format hinauszudrängen. Sie wirkt nie abgeschlossen oder brav komponiert, sondern immer in Bewegung — als wäre jedes Bild nur ein Ausschnitt aus einem größeren farbigen Geschehen.

Für mich ist Katharina Grosse eine Wegbereiterin. Nicht, weil andere Künstlerinnen ihr formal folgen müssten, sondern weil sie eine Haltung sichtbar macht: künstlerische Arbeit darf groß sein, körperlich sein, unübersehbar sein. Sie darf sich Raum nehmen, ohne sich dafür zu rechtfertigen. Ob Grosse diese Wirkung bewusst als weibliches Signal setzt oder nicht, ist dabei zweitrangig. Entscheidend ist, dass sie es tut. Sie nimmt Raum ein — als Künstlerin, als malende Person, als jemand, der die Bedingungen von Malerei immer wieder neu verschiebt.

Und genau deshalb berührt mich ihre Arbeit so stark. Sie zeigt nicht nur, was Farbe kann. Sie zeigt auch, was passiert, wenn künstlerischer Ausdruck nicht begrenzt, verkleinert oder gezähmt wird.

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