Matisse im Grand Palais – Warum man diese Ausstellung sehen muss-05//26
Es gibt Künstler, bei denen man sich zunächst fragt: Muss es wirklich noch einmal eine große Ausstellung sein? Noch einmal Matisse? Noch einmal Farbe, Südfrankreich, Frauenfiguren, Interieurs, Scherenschnitte?
Nach dem Besuch der großen Matisse-Ausstellung im Grand Palais lautet die Antwort sehr klar: ja.
Denn Matisse bleibt nicht deshalb relevant, weil sein Name groß ist, sondern weil seine Arbeiten auch heute noch etwas auslösen. Sie besitzen eine seltene Gleichzeitigkeit aus Präzision und Leichtigkeit. Seine Farben wirken nie beliebig, nie dekorativ im schwachen Sinn. Sie sind gesetzt, entschieden, fast musikalisch. Und doch entsteht daraus keine Schwere, sondern eine helle, offene Intensität.
Die Ausstellung „Matisse. 1941–1954“ im Grand Palais widmet sich der späten Schaffensphase von Henri Matisse. Gezeigt werden mehr als 300 Arbeiten aus seinen letzten Jahren: Gemälde, Zeichnungen, Bücher und Scherenschnitte. Gerade diese späte Phase ist entscheidend, weil Matisse hier trotz Krankheit, Alter und Krieg noch einmal eine vollkommen eigene Sprache aus Farbe, Fläche und Form entwickelt.
Vielleicht liegt genau darin die Faszination. Matisse bedient sich scheinbar überall: bei der Figur, beim Ornament, beim Raum, beim Licht, beim Tanz, beim Jazz, bei Südfrankreich, bei der Frauendarstellung, beim Dekorativen. Aber aus all dem entsteht keine Sammlung schöner Motive, sondern eine sehr eigene Ordnung. Er nimmt die Welt nicht auseinander, um sie schwerer zu machen, sondern um ihr eine neue Leichtigkeit zurückzugeben.
Diese Leichtigkeit ist kein Oberflächenphänomen. Sie ist erarbeitet. Sie entsteht aus Genauigkeit, aus Reduktion, aus einem radikalen Vertrauen in Farbe. Gerade deshalb wirken seine Bilder nach all den Jahrzehnten nicht museal abgeschlossen. Sie bleiben frisch. Sie haben eine Klarheit, die nicht kalt ist, und eine Sinnlichkeit, die nicht sentimental wird.
Auffällig war auch, wie stark die Ausstellung besucht war. Das Grand Palais zieht natürlich Publikum an, aber hier war spürbar mehr als nur institutionelle Größe. Während Hilma af Klint im Obergeschoss eine eher konzentrierte, fast stille Aufmerksamkeit verlangte, hatte Matisse diese unmittelbare Zugkraft. Vielleicht, weil viele Menschen zu Matisse bereits ein persönliches Verhältnis haben. Seine Bilder wirken vertraut, ohne verbraucht zu sein. Man glaubt, ihn zu kennen – und wird dann doch wieder überrascht.
Besonders schön waren auch die ausgestellten Arbeiten im Zusammenhang mit Matisse’ Kirchenfenstern. Sie führen zu einem der wichtigsten späten Projekte des Künstlers: der Chapelle du Rosaire in Vence, oft auch schlicht als Matisse-Kapelle bezeichnet. Matisse gestaltete dort nicht nur einzelne Fenster, sondern im Grunde einen ganzen sakralen Raum – mit Glasfenstern, Wandzeichnungen, liturgischen Gewändern und einer Atmosphäre aus Weiß, Linie, Farbe und Licht.
Die Entstehung dieser Kapelle ist eng mit Sœur Jacques-Marie, geboren als Monique Bourgeois, verbunden. Sie hatte Matisse während seiner Krankheit gepflegt und ihm auch Modell gesessen, bevor sie später Dominikanerin wurde. Als die Schwestern in Vence eine Kapelle planten, zeigte sie Matisse Skizzen für ein Glasfenster. Aus dieser persönlichen Verbindung entwickelte sich eines seiner zentralen Spätwerke.
Interessant ist dabei, dass Matisse nicht einfach „Kirchenkunst“ im traditionellen Sinn macht. Er illustriert nicht schwer, pathetisch oder erzählerisch. Er arbeitet mit Licht, Farbe und radikaler Reduktion. In der Chapelle du Rosaire reichen Blau, Gelb, Grün, Weiß und schwarze Linien, um einen Raum entstehen zu lassen, der gleichzeitig streng und schwerelos wirkt. Gerade hier zeigt sich noch einmal, worin seine Größe liegt: Farbe ist bei Matisse nicht Dekoration, sondern geistiger Raum.
Dass Künstler im kirchlichen Kontext arbeiten, ist natürlich kein Ausnahmefall. Im Gegenteil: Moderne und zeitgenössische Künstler haben immer wieder sakrale Räume neu geöffnet. Gerhard Richter gestaltete 2007 das berühmte Fenster im Südquerhaus des Kölner Doms: ein abstraktes Farbfeld aus rund 11.000 beziehungsweise 11.300 Quadraten in 72 Farbtönen. Auch hier wird Farbe nicht erzählend eingesetzt, sondern als Lichtkörper, der den Raum verändert.
Auch Günther Uecker hat mit Kirchenfenstern gearbeitet. Im Schweriner Dom wurden 2024 vier von ihm entworfene Fenster unter dem Titel „Lichtbogen“ eingeweiht. Anders als Richter oder Matisse arbeitet Uecker hier nicht mit einer breiten Farbexplosion, sondern mit einem tiefen, meditativen Blau. Die Fenster tauchen die seitlichen Kapellen des Doms in ein stilles, geistiges Licht.
Und auch in der Gegenwart setzt sich diese Verbindung fort: Jenny Ayala überträgt ihre Arbeit mit Raum, Oberfläche, Verletzlichkeit und Licht in einen kirchlichen Kontext. In der Dreikönigenkirche in Neuss wurde ihr großformatiges Glaswerk „Lichtwunden“ dauerhaft installiert. Sie beschreibt es als Übertragung ihrer räumlichen Installationspraxis in ein großes Glaswerk.
Genau an diesem Punkt wird Matisse noch einmal besonders aktuell. Seine Kirchenfenster zeigen, dass Farbe mehr sein kann als Bildmittel. Farbe kann Raum öffnen. Farbe kann Licht tragen. Farbe kann eine Erfahrung erzeugen, die nicht erklärt werden muss, weil sie körperlich wirkt.
Die Ausstellung war üppig, intensiv und sehr gut kuratiert. Sie zeigte keinen Matisse als bloßen Klassiker, sondern einen Künstler, der bis zuletzt offen blieb. Ein Künstler, der aus Farbe Denken machte. Und aus Form eine Möglichkeit, Welt leichter, heller und zugleich präziser zu sehen.
Genau deshalb muss man diese Ausstellung besuchen: nicht, weil Matisse berühmt ist. Sondern weil seine Arbeiten eine vergessene Leichtigkeit freilegen – eine Leichtigkeit, die nicht naiv ist, sondern souverän.