The Dog Died Again:Chloe Wises Extrasensory zeigt das Übersinnliche als Pop-Loop zwischen Engel, Alien, Instagram und Konsum.
Für einen Moment schien alles fast zu perfekt: Geiger, Alien, Schweiz. Man dachte unweigerlich an H. R. Giger, an den Schweizer Künstler, dessen Alien-Ikonografie längst Teil des kollektiven Bildgedächtnisses geworden ist. Nur: Es ist nicht Giger. Es ist Geiger. Die Kulturstiftung Basel H. Geiger. Kein biomechanischer Albtraum, kein Filmmonster, kein dunkler Körper aus der Science-Fiction-Geschichte, sondern ein Basler Ausstellungsraum.
Dieses Missverständnis ist vielleicht der beste Einstieg in Chloe Wises Extrasensory. Nicht Giger, sondern Geiger: Schon dieser kleine Irrtum zeigt, wie schnell das Alienhafte als kulturelles Bild anspringt — und wie stark diese Ausstellung von Projektion lebt.
Nach dem 45-minütigen Artist-Deep-Talk zwischen Wise und dem Kurator Samuel Leuenberger meldete sich eine junge Frau aus dem Publikum. Sie sagte, sie folge Chloe Wise schon lange auf Instagram, es schwingt mit, deshalb ist sie eigentlich gekommen. Ihre Frage: Ob hinter Wises Instagram ein Konzept stehe.
Es war eine entwaffnend gegenwärtige Frage. Vielleicht auch eine ernüchternde. Nach einem Gespräch über Engel, Aliens, Quantenphysik, UAPs, Bildgeschichte und was eigentlich Realität ist, landete der Raum plötzlich wieder dort, wo Gegenwartskunst heute so oft landet: beim Feed.
Leuenberger wirkte ernüchtert ob der ersten Frage. Wise reagierte sichtbar irritiert. Sinngemäß: Nein, dahinter stehe kein Konzept. Und wenn man es nicht verstehe, könne man ihr auch entfolgen.
Das hätte man als oberflächliche Frage abtun können. Aber vielleicht war sie unbeabsichtigt präzise. Denn Extrasensory handelt auch davon, wie Bilder gelesen werden, wie Oberflächen Bedeutung erzeugen, wie kulturelle Zeichen sich verschieben und wie schnell jede Suche nach Wahrheit wieder in Sichtbarkeit, Konsum und Selbstinszenierung zurückfällt.
Chloe Wise ist keine Künstlerin, die das Übersinnliche als persönliche Offenbarung behandelt. Auf die Frage, ob sie selbst spirituell sei, antwortete sie, sie sei es nicht. Sie habe auch keine entsprechenden Erfahrungen gemacht.
Wise spricht nicht als Medium. Sie spricht nicht als Gläubige. Sie spricht nicht als jemand, der eine Erfahrung bezeugen will. Sie nähert sich dem Übersinnlichen aus einer anderen Position: als Bildregisseurin, als Spielerin, als Künstlerin, die weiß, dass jede Vorstellung vom Jenseitigen bereits eine Form, eine Pose, ein Kostüm, ein kultureller Code ist.
In Extrasensory tauchen Engel auf, aber sie erscheinen nicht als Gewissheit. Sie tauchen als Bilder auf. Als historische Erinnerung, als Renaissance-Zitat, als Putto, als Popfigur, als Victoria’s-Secret-Fantasie. Daneben stehen Aliens, Teufel- und Teufelinnen, junge Menschen, die ins Licht schauen, sektenhafte Szenen, wiederkehrende Sätze, ein alter Fernseher, eine Serie aus den 1960er-Jahren, Film im Film.
Extrasensory bleibt Videokunst, aber mit deutlich filmischem Anspruch. Wise arbeitet mit Szenen, Figuren, Kostümen, Prothesen, Requisiten und Lichtstimmungen. Sie zerlegt nicht nur Bilder, sie baut eine Welt. In diesem Sinn agiert sie weniger als regieführende Künstlerin denn als künstlerische Regisseurin: nicht im Dienst eines linearen Films, sondern als Autorin eines künstlichen, bewusst überzeichneten Bildraums.
Dass Wise diese Logik bereits vorher interessiert hat, zeigte sich 2023 in Told a Vision, einer Videoarbeit im Kontext von Art Basel Parcours, die mit dem Format kommerzieller Fernsehproduktion spielte. Schon dort kreiste ihre Bewegtbildsprache um Werbung, Konsum, Wiederholung und sinnentleerte Versprechen. Extrasensory verschiebt diese Logik nun ins Spirituelle: Aus dem Werbespot wird das Wunder, aus Branding wird Glaube, aus Konsum wird Erkenntnissuche.
Gerade deshalb berührt die Arbeit so stark amerikanische Filmgeschichte. Alien-Filme, B-Movie-Horror, schlechte Special Effects, fliegende Untertassen, alte Fernsehbilder, sektenhafte Gemeinschaften, Teufelsfiguren in der Großstadt — all das gehört zu einem popkulturellen Reservoir, aus dem Extrasensory schöpft.
Diese Bildwelt ist weniger europäisch-metaphysisch als amerikanisch-popkulturell. Der Teufel, der durch New York läuft, ruft weniger mittelalterliche Höllenbilder auf als Filme wie Dogma, in dem Alanis Morissette als Gott erscheint: Religion als Popauftritt, Theologie als ironische Erzählung, das Göttliche mitten im amerikanischen Gegenwartskino.
Gerade darin unterscheidet sich Wises Zugriff von einer europäischen Bildtradition. In Europa sind Engel so tief in Architektur, Kirchenräumen, Fassaden, Deckenmalereien und Altären verankert, dass sie kaum noch auffallen. Sie gehören zur kulturellen Landschaft. Bei Wise dagegen erscheinen sie als bewegliche Zeichen, als Motive, die durch Mode, Film, Konsum und Popkultur neu besetzt werden können.
Der Victoria’s-Secret-Engel ist dafür die vielleicht deutlichste Figur: unschuldig und sexy zugleich, himmlisch und kommerziell, weichgezeichnet und hochgradig sexualisiert. Ein Engel als Männerfantasie. Flügel, Licht, Körper, Unterwäsche — Spiritualität als Verführungscode. Der Engel tröstet nicht mehr. Er verkauft.
Dabei liegt die eigentliche Spannung nicht nur im Körperideal, sondern auch in der Täuschung der Wertigkeit. Victoria’s Secret inszenierte seine Engel mit Supermodels, mit großen Shows, mit Millionen-BHs, mit Glamour und theatraler Überhöhung. Die „Fantasy Bras“ wurden mit Edelsteinen, Diamanten und Millionenwerten aufgeladen. Gleichzeitig blieb die eigentliche Unterwäsche eine massenkompatible Ware, deutlich näher am Retail als an Haute Couture. Der himmlische Glanz lag weniger im Material als in der Inszenierung.
Gleichzeitig ist diese Fantasie bei Wise nicht einfach heteronormativ geschlossen. Dass sie bewusst queere Performer, Freunde und Figuren in ihre filmische Welt einbezieht, verschiebt die Oberfläche.
Denn das Fantastische erscheint heute kaum noch unberührt. Wer an Aliens denkt, denkt nicht nur an eine reale Möglichkeit außerirdischen Lebens, sondern sofort an Fernsehserien wie Stranger Things, X-Files und E.T., an UFO-Dokumentationen, an Verschwörungskultur, an endlose Internetforen, wiederkehrende, unscharfe Bilder. Das Außerirdische ist längst durch Kino, Fernsehen und Popkultur hindurchgegangen. Es kommt nicht mehr als reines Wunder zurück, sondern als Zitat.
Dasselbe gilt für Engel. Auch sie erscheinen nicht mehr nur als religiöse, unantastbare Wesen, sondern als dekorative, konsumierbare, wiedererkennbare Bilderin Social-Media-Ästhetiken. Der Engel ist nicht verschwunden. Er wurde wiederholt, verformt, verniedlicht, sexualisiert, verkauft.
In dieser Wiederholung liegt ein Verlust. Bilder, die einmal Angst, Trost, Ehrfurcht oder Glauben erzeugen konnten, werden zu Popzeichen. Der Teufel wird Kostüm. Das Alien wird Maske. Der Engel wird Flügel-Accessoire. Die Sekte wird Setdesign. Das Licht wird Effekt.
Extrasensory lebt von dieser Abnutzung. Phrasen kehren zurück, Figuren tauchen wieder auf, Gesten wiederholen sich. Besonders der Satz „The dog died again“ irritiert, weil er Bedeutung verspricht und sie zugleich verweigert. Schon in sich trägt er den Loop: Etwas stirbt nicht einfach. Es stirbt wieder. Und wieder.
Durch diese Wiederholung entsteht Erwartung. Als Betrachterin wartet man darauf, dass sich etwas öffnet, dass eine Erklärung kommt, dass der Satz, das Licht, der Blick nach oben, die Alienfigur, die Sekte, der Engel auf etwas hinauslaufen. Doch nach Aussage der Künstlerin ist diese Anordnung bewusst sinnentleert gesetzt. Es kommt keine Auflösung.
Hier liegt vielleicht die nüchternste Aussage der Arbeit. Ist es Wissenschaft, Religion, Esoterik? Am Ende führt es ins Leere. Keine dieser Deutungen besitzt die letzte Autorität. Weder Wissenschaft noch Religion noch Popkultur noch Spiritualität liefern eine abschließende Antwort darauf, was diese Lichterscheinungen, Sehnsüchte oder Projektionen tatsächlich sind.
Vielleicht geht es in Extrasensory deshalb weniger um Spiritualität als um deren Konsumierbarkeit. Um eine Gegenwart, in der mystische, religiöse und außerweltliche Zeichen nicht mehr geglaubt, sondern benutzt werden: als Stil, als Stimmung, als Accessoire, als Content, als Erfahrung, die man kaufen, posten oder performen kann.
Man konsumiert Spiritualität. Man konsumiert Zeichen von Tiefe. Man konsumiert Engel, Energie, Frequenz, Astrologie, Tarot, Retreats, Kristalle, Ayahuasca-Rituale, Meditation und New-Age-Vokabular. Nüchtern betrachtet findet die Suche nach dem Unsichtbaren, dem nicht Greifbaren, heute kaum noch außerhalb marktwirtschaftlicher Bilder statt. Sie erscheint als Produkt, als Identitätshelfer, als Selbstinszenierung, als Must-have.
Es gibt keine Wunder mehr. Das Wunder ist warenförmig geworden. Es ist nur noch Ereignis.
Der kommerzielle Aspekt bleibt bei Wise nicht nur Behauptung. Vor dem eigentlichen Ausstellungsraum befindet sich eine Art eingerichteter Esoterikladen, ein Zwischenraum aus Shop, Set und Devotionalienregal. Dort tauchen Dinge wieder auf, die im Film bereits eine Rolle spielen oder zu Wises persönlicher Ikonografie gehören: Feuerzeuge mit Teufelsmotiv oder eine Fotografie ihrer Siamkatzen.
Damit wird die Konsumierbarkeit des Übersinnlichen nicht nur thematisiert, sondern räumlich inszeniert. Was im Film Zeichen war, erscheint hier als Gegenstand. Was dort Requisite war, wird hier fast zur Ware. Der Engel, das Alien, der Teufel, die Katze, die Maske — alles bekommt Objektcharakter. Alles könnte betrachtet, berührt, gesammelt, gekauft oder zumindest als Souvenir gedacht werden.
Das Erstaunlichste an diesem Esoterikladen war vielleicht, was fehlte: der Geruch. Normalerweise duften solche Räume nach Räucherstäbchen, Duftöl, Kerzen, Holz, manchmal nach Patchouli oder schwerer Luft. Hier blieb dieser olfaktorische Überschuss aus. Gerade dadurch wirkte der Raum noch künstlicher.
Dass Wise erzählte, sie habe schon als Kind Videos geschnitten und diese frühen Arbeiten seien dem, was sie heute mache, gar nicht so fern, ist dabei kein nebensächliches Detail. Es erklärt etwas über die Struktur von Extrasensory. Die Arbeit hat tatsächlich etwas von früher Montage: Rollen anziehen, Szenen schneiden, Stimmen wiederholen, Fernsehbilder einbauen, Figuren verwandeln, Realität als Spielraum behandeln.
Vielleicht ist deshalb auch der Humor so wichtig. Wise nimmt die Sache ernst genug, um sie auszuarbeiten, aber nicht so ernst, dass sie ihr verfällt. Sie spielt, ohne sich selbst zur Eingeweihten zu machen. Sie ist nicht im Bann des Übersinnlichen. Sie ist im Bann seiner Bilder.
Das macht Extrasensory nicht zu einer spirituellen, trockenen Ausstellung, sondern zu einer Ausstellung über die Bedingungen von Glauben nach dem Glauben. Über alte Bilder, die ihre Autorität verloren haben, aber noch immer wirken. Über neue Bilder, die Freiheit versprechen, aber ebenfalls Macht ausüben können. Über eine Gegenwart, die nicht mehr kniet, aber weiter nach oben schaut.
Und damit führt die Arbeit zurück zur Instagram-Frage.
Denn auch Instagram ist ein Ort, an dem Bedeutung über Oberflächen entsteht. Ein Gesicht, ein Licht, eine Pose, ein Moment, ein Ausschnitt. Man folgt jemandem, weil man glaubt, durch Bilder Zugang zu einer Person, einem Stil, einer Haltung zu bekommen. Vielleicht war die Frage nach dem Instagram-Konzept also banal. Somit war sie aber auch unbeabsichtigt präzise.
Sie berührte genau den Punkt, an dem Wises Arbeit empfindlich wird: die Grenze zwischen Tiefe und Oberfläche. Zwischen Werk und Persona. Zwischen künstlerischer Bildproduktion und sozialer Sichtbarkeit. Zwischen Suche und Feed.
Extrasensory ist am stärksten, wenn man diese Spannung nicht auflöst. Chloe Wise ist keine spirituelle Künstlerin im klassischen Sinne. Sie ist auch keine reine Pop-Künstlerin. Sie arbeitet dort, wo sich Glauben, Mode, Körper, Fernsehen, Kunstgeschichte, Internet und Mythos gegenseitig infizieren.
Ist das die eigentliche Pointe? Das Übersinnliche verschwindet nicht aus der Gegenwart. Es wird nur immer wieder neu übersetzt. Was früher Offenbarung hieß, heißt heute vielleicht Erscheinung, Projektion, Energie, Frequenz, Algorithmus oder Content.
Chloe Wise macht aus dem Übersinnlichen keine Wahrheit. Sie macht daraus eine Versuchsanordnung.
Nicht das Wunder wird sichtbar, sondern die Sinnlosigkeit unserer immer neuen Versuche, es mit Bildern zu besetzen. Die Popkultur wiederholt, die Religion deutet, die Wissenschaft prüft, die Esoterik verspricht, Instagram verwandelt alles in Oberfläche. Aber die letzte Erkenntnis bleibt aus.
Die Wahrheit bleibt verdeckt.
Und während sie verdeckt bleibt, läuft der Feed weiter. 6-7, 6-7. Irgendwas dazwischen, irgendetwas wiederholt sich.
Und da liegt der ehrlichste Moment von Extrasensory: Das Wunder ist nicht weg. Es ist jetzt konsumierbar.