Jon Rafman im K21: produktiver Exzess

Jon Rafman, Proof of Concept (installation view), 2025, Courtesy the artist and Sprüth Magers

Jon Rafmans Ausstellung Main Stream Media im K21 wirkt wie ein vollständig begehbarer digitaler Kosmos. Die Räume sind extrem stark inszeniert, Teile des Bodens sind beklebt, Video, Leinwandarbeiten, Mobiliar und Architektur greifen eng ineinander. Man betrachtet hier nicht einfach eine Abfolge einzelner Werke, sondern betritt eine vollständig komponierte Bildwelt. Kaum etwas scheint dem Zufall überlassen, dennoch wirkt die Präsentation nicht glatt oder überkontrolliert.

Die Ausstellung versammelt Arbeiten aus fast zwei Jahrzehnten, von 2008 bis 2026. Dadurch lässt sich tatsächlich eine Entwicklung digitaler Bildwelten verfolgen: von Second Life, Google Street View und frühen Internetplattformen über Filme, die innerhalb von Videospiel-Engines entstanden, bis zu seinen neuesten, mithilfe generativer KI produzierten Arbeiten. Rafman imitiert also nicht durchgehend nachträglich die Ästhetik der 1990er- und frühen 2000er-Jahre. In den älteren Werken begegnet man der tatsächlichen Bildsprache ihrer Entstehungszeit, während die neuen Arbeiten diese Vergangenheit bewusst aufgreifen und mit den technischen Möglichkeiten der Gegenwart fortführen.

Man sieht Avatare und digitale Figuren, deren Körper und Gesichter noch weit von den heute möglichen realistischen Darstellungen entfernt sind. Das erscheint hier jedoch nicht als Defizit, sondern als Teil einer sichtbaren technologischen Entwicklung. Rafman hat sich mit jeder neuen Phase digitaler Kultur weiterbewegt, ohne die vorherigen Bildwelten einfach hinter sich zu lassen. Frühes Internet, Gaming, virtuelle Räume und digitale Subkulturen bilden weiterhin das Grundmaterial seiner Arbeit.

Auch die großformatigen Leinwandarbeiten wirken zunächst wie expressive, teilweise fast körperlich aufgeladene Malerei. Tatsächlich wurden die Motive der Serie Ebrah K’dabri bereits 2022 mit einem frühen öffentlich zugänglichen KI-Bildprogramm erzeugt und anschließend auf stark grundierte Leinwände gedruckt. Gerade dieses Changieren zwischen digitalem Bild und scheinbar malerischer Oberfläche verleiht ihnen ihre verstörende Wirkung und eine eigentümliche Tiefe.

Was zunächst chaotisch, überfüllt oder bizarr erscheinen kann, ist kompositorisch außerordentlich präzise. Die Räume, die Projektionen, die beklebten Bodenbereiche und selbst die eigens entworfenen Sitzgelegenheiten sind Teil einer einzigen großen Setzung. Für mich ist dies eine der stärksten und überzeugendsten Ausstellungspräsentationen, die ich bisher im K21 erlebt habe.

Dabei ist deutlich zu spüren, dass Rafman vollständig in seiner Arbeit aufgeht. In diesen Werken liegt etwas Exzessives, aber zugleich enorm Produktives. Nichts wirkt zurechtgestutzt, geglättet oder vorsorglich auf ein leicht konsumierbares Maß reduziert. Die Arbeit darf voll sein, seltsam, grotesk und widersprüchlich. Gerade diese Konsequenz sieht man selten.

Jon Rafman, (Puppet Man I), Inkjet print und Acryl auf Leinwand, Courtesy the artist and Sprüth Magers, Foto: Ingo Kniest

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