Eine Welt, die sich selbst fortsetzt. Pierre Huyghe und die Kunst des offenen Ausgangs
Pierre Huyghe nimmt einen Raum ein, ohne ihn zu besetzen. In der Fondation Beyeler erschafft er innerhalb von Renzo Pianos Architektur eine eigene Welt. Boden, Wände, Sichtachsen und Wege werden Teil einer schweigenden Inbesitznahme des Raumes, die schließlich auch den Besucher erfasst – und dennoch erstaunlich viel Leere lässt.
Dass dies ausgerechnet in der Fondation Beyeler geschieht, ist bemerkenswert. Ernst Beyeler suchte für seine Sammlung bewusst einen Ort, an dem Kunst, Architektur und Natur miteinander verbunden werden konnten. Renzo Piano schuf dafür einen langgestreckten Museumsbau, dessen natürliches Licht, Proportionen und Öffnungen zur umgebenden Landschaft wesentlich zur Wahrnehmung der Kunst beitragen. Huyghe setzt dieser Architektur keine Gegenarchitektur entgegen. Er greift in ihre bestehende Ordnung ein und macht sie zum Bestandteil eines größeren Zusammenhangs.
Light Dust von 2026, ein bedruckter Teppich, zieht sich über den Boden der Ausstellung. Wollte man vor Huyghes Ausstellung fliehen, müsste man dies ironischerweise über eines seiner Kunstwerke tun. Und selbst dabei bliebe man nicht außerhalb: Der Teppich wird betreten, verschmutzt und verändert. Jeder Besucher hinterlässt Spuren. Man kann Huyghe gewissermaßen nicht einmal ablehnen, ohne Teil seiner Kunst zu werden. In Timekeeper werden ältere Farbschichten der Museumswand freigelegt. Der dabei entstehende Farbstaub haftet an Schuhen und wird durch die Ausstellung getragen. Vergangenheit wird zu Material, der Besucher zunächst unbemerkt zu dessen Transporteur.
Auch Idiom entzieht sich der Vorstellung eines abgeschlossenen Kunstwerks. Die 2024 entwickelte und ausdrücklich als „ongoing“ bezeichnete Arbeit besitzt keinen endgültigen Zustand. Eine Person trägt eine goldene Maske, die Signale ihrer Umgebung verarbeitet; ein neuronales Netzwerk generiert daraus in Echtzeit eine unbekannte Sprache, die sich fortwährend entwickelt. Der Schaffensprozess ist mit der Präsentation des Werkes nicht abgeschlossen. Genau darin liegt ein Schlüssel zu Huyghes Arbeit: Er produziert nicht zunächst ein abgeschlossenes Werk, um es anschließend in einen Ausstellungsraum zu überführen. Er schafft Bedingungen, innerhalb derer sich etwas entwickeln kann. Huyghe hat seine Arbeitsweise selbst als „conditional set-up“ beschrieben: Er setzt Parameter, verbindet Systeme und schafft Abhängigkeiten, deren weitere Entwicklung er nicht vollständig kontrolliert.
Die Fondation Beyeler wird damit nicht nur zum Ort, an dem seine Kunst gezeigt wird. Der gesamte Ausstellungsraum wird Teil dieser Versuchsanordnung. Ein Museum ist sowohl für die Kunst als auch für deren Betrachtung durch den Menschen organisiert. Beleuchtung, Abstände, Proportionen, Hängung, Sichtachsen und Wegführung schaffen Bedingungen, unter denen Kunst zur Erscheinung kommen und betrachtet werden kann. Huyghe greift genau in diese Ordnung ein. Die schaltbaren Glasflächen zwischen den Räumen verändern ihre Transparenz im Zusammenhang mit Apnea. Sichtachsen verschwinden, Verbindungen zwischen Räumen werden undurchsichtig. Was eben noch wie eine transparente Passage erschien, wird milchig und verschließt den Blick. Die vertraute Orientierung verliert ihre Verlässlichkeit. Damit verändert Huyghe nicht nur, was gesehen wird, sondern die Bedingungen des Sehens selbst.
Die Ausstellung beginnt wie ein Organismus zu funktionieren. Ihre Bestandteile stehen miteinander in Beziehung, reagieren auf Umweltbedingungen und können durch die Anwesenheit der Besucher beeinflusst werden. Der Besucher bewegt sich nicht länger ausschließlich von einem autonomen Werk zum nächsten. Er bewegt sich innerhalb einer von Huyghe geschaffenen Struktur und bringt sich durch seine bloße Anwesenheit in sie ein – durch Bewegung, Spuren und, je nach Arbeit, durch Umweltbedingungen, die sensorisch erfasst werden.Huyghe erschafft damit eine Welt innerhalb der Welt. Einen Organismus mit eigenen Bedingungen, Zeitlichkeiten und Formen der Wahrnehmung. Darin liegt etwas Ursprüngliches, beinahe Vorsprachliches. Bedeutung ist nicht bereits festgelegt, sondern entsteht erst aus Bewegung, Reaktion und Begegnung. Selbst Sprache erscheint in Idiom nicht als abgeschlossenes System, sondern als etwas, das sich noch formt. Der fortwährende Schaffensprozess erweitert das Werk über den Moment seiner Präsentation hinaus.
Bereits UUmwelt in den Serpentine Galleries 2018 beruhte auf einem solchen System. Mittels fMRI aufgezeichnete menschliche Gehirnaktivitäten wurden von einem neuronalen Netzwerk in visuelle Rekonstruktionen überführt; gleichzeitig lebten Fliegen im Ausstellungsraum und Sensoren registrierten Bedingungen innerhalb der Galerie. Kuratorin Rebecca Lewin beschrieb diese Konstellation als eine Situation ohne Hierarchie zwischen Mensch, Tier und Maschine. Diese fehlende Hierarchie ist wesentlich. Huyghe spielt Natur und Technologie nicht gegeneinander aus. Die Maschine erscheint nicht zwangsläufig als Gegenstück zum Lebendigen, Natur nicht als moralisches Gegenmodell zur Technologie. Unterschiedliche Formen von Existenz können innerhalb desselben Systems gleichzeitig wirksam sein. Auch der Mensch besitzt darin keine selbstverständliche Vorrangstellung mehr. Die Ameisen von Umwelt verfolgen ihre eigenen Wege, unabhängig von den Menschen, die vor ihnen stehen. Der Besucher bleibt Betrachter und wird gleichzeitig zu einem weiteren Faktor innerhalb des Systems. Huyghe entscheidet sich nicht für eine Seite. Dieses Nichtentscheiden ist seine Freiheit.
Was Pierre Huyghe von vielen anderen Künstlern fundamental unterscheidet, beginnt deshalb bei der Art, wie seine Kunst überhaupt entsteht. Huyghe selbst hat dafür den Maler im Atelier als Gegenbild herangezogen. Dort kann eine Arbeit betrachtet, verworfen, korrigiert und fortwährend optimiert werden, bis sie den Vorstellungen des Künstlers entspricht und das Atelier verlassen kann. Huyghe interessiert weder diese Sicherheit noch die fortwährende Optimierung eines kontrollierten Endprodukts. Er akzeptiert den offenen Ausgang.
Damit verändert sich zugleich seine eigene Position als Künstler. Seine sichtbare Präsenz tritt zurück, während seine schöpferische Position umso fundamentaler wird: Er definiert die Bedingungen, unter denen dieser Organismus existiert. Darin liegt eine Potenzierung des künstlerischen Schöpfungsakts. Huyghe verbindet unterschiedliche Systeme und stößt Prozesse an, deren Entwicklung sich anschließend seiner unmittelbaren Kontrolle entziehen kann. Seine Präsenz liegt nicht in der permanenten Intervention, sondern in der von ihm geschaffenen Struktur.
Das macht seine Arbeit zugleich hochintellektuell und hochschöpferisch. Das Spielerische ist davon nicht zu trennen: nicht Spiel als Unterhaltung oder ästhetische Verspieltheit, sondern als schöpferischer Akt mit offenem Ausgang. Etwas wird angestoßen, ohne das Ergebnis bereits vollständig zu kennen. Risiko und Möglichkeit gehören zum Werk.
Vielleicht erklärt sich daraus auch eine der stärksten räumlichen Erfahrungen der Ausstellung: die Gleichzeitigkeit von Fülle und Leere. Huyghes Welt ist voller Prozesse, Informationen und unterschiedlicher Zeitlichkeiten und bleibt dennoch visuell reduziert. Grau, Schwarz, Weiß, gedämpftes Licht, große Flächen. Der Raum ist vollkommen aktiviert, ohne überfüllt zu sein. Fülle und Leere existieren gleichzeitig. Huyghe löst ihre binäre Ordnung auf.
Das entspricht der Struktur seiner gesamten Arbeit. Natur und Technologie, Mensch und Maschine, Betrachter und Beteiligter, Kontrolle und Zufall, Präsenz und Abwesenheit müssen nicht länger als eindeutige Gegensätze bestehen. Huyghe lässt sie innerhalb desselben Organismus gleichzeitig wirksam werden. Auch darin lässt sich eine surrealistische Spur erkennen – weniger als Wiederholung einer historischen Formensprache denn als Auflösung vertrauter Ordnungen und als Verbindung von Zuständen, die gewöhnlich voneinander getrennt werden.
Je komplexer der von Huyghe geschaffene Organismus wird, desto weniger braucht er ein eindeutiges Zentrum. Und je vollständiger seine Struktur den Raum bestimmt, desto weniger muss der Künstler selbst darin sichtbar sein. Huyghe greift damit die Konventionen dessen an, was Kunst sein, wie sie entstehen und wie sie ausgestellt werden kann. Seine Radikalität braucht keinen Gestus des Rebellen. Sie besitzt eine bemerkenswerte Selbstverständlichkeit.
Vielleicht liegt genau darin auch die Faszination dieses Künstlers: Seine Arbeit vermittelt nicht den Eindruck, an einem Endpunkt angekommen zu sein. Wer den offenen Ausgang zum Prinzip seiner Kunst macht, setzt auch die eigene Entwicklung fort. Bei Pierre Huyghe bleibt deshalb vor allem die Neugier darauf, welche Welt er als Nächstes erschafft.